Mittelmeerkost ohne Rotwein: was die neue Leitlinie ändert
Die italienischen Leitlinien zur Mittelmeerkost streichen Alkohol – auch Rotwein – aus den Kernempfehlungen. Der Nutzen fürs Herz hängt an Gemüse, Hülsenfrüchten, Nüssen und Olivenöl, nicht am Glas zum Essen.
Rotwein gehört nach den neuen Mittelmeerkost-Leitlinien aus Italien nicht mehr zu den Kernempfehlungen. Die Leitlinie schließt Alkohol ausdrücklich aus, auch den Wein zum Essen. Begründung laut Leitlinie: Schon moderater Alkoholkonsum erhöht das Risiko für Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Warum der Wein lange dazugehörte
Die klassische Beschreibung der Mittelmeerkost nennt drei Besonderheiten: natives Olivenöl extra als Hauptfett, viele Nüsse und wenig bis mäßig Rotwein zu den Mahlzeiten. So fasst es eine Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Cardiovascular Research von 2025 zusammen. Dieselbe Arbeit hält aber fest, dass Alkohol als Teil einer gesunden Ernährung zunehmend umstritten ist.
Eine laufende randomisierte Studie soll die Frage klären: UNATI vergleicht die Mittelmeerkost mit und ohne Wein bei 10.000 Menschen, die Alkohol trinken. Bis Ergebnisse vorliegen, bleibt die Leitlinie bei ihrer vorsichtigen Linie.
Was den Herzschutz trägt
Für das Herz ist die Mittelmeerkost laut der Übersichtsarbeit das am besten untersuchte Ernährungsmuster. Gestützt wird das durch mehrere große randomisierte Studien: Lyon Diet-Heart Study, PREDIMED, PREDIMED-Plus und CORDIOPREV. Die Kost ist nicht vegetarisch, betont aber wenig verarbeitete pflanzliche Lebensmittel: Obst, Gemüse, Vollkorn, Hülsenfrüchte und Nüsse.
Schon die Sieben-Länder-Studie von Ancel Keys, angelegt in 16 Kohorten von Männern mittleren Alters, beschrieb dieses Muster. Viel Brot, Getreide, Gemüse, Obst und Olivenöl, wenig Fleisch, Milchprodukte und Zuckerprodukte. Eine geringe Aufnahme gesättigter Fettsäuren ging dort mit weniger koronarer Herzkrankheit einher. Spätere Auswertungen bestätigten: Kohorten mit Mittelmeerkost hatten seltener eine koronare Herzkrankheit und starben seltener daran, bei ungesunder Kost war es umgekehrt. Wein taucht in dieser Beschreibung gar nicht auf. Eine Schwäche der frühen Daten: Die Studie unterschied etwa nicht zwischen ballaststoffreichem und ballaststoffarmem Brot oder zwischen Olivenöl und anderen Ölen.
Wie stark die Belege je Krankheit sind
Die Leitlinie entstand im italienischen Leitliniensystem. Sie stützt sich auf systematische Übersichten, Expertenkonsens und das Bewertungsverfahren NUTRIGRADE. Eigene Empfehlungen gibt es etwa für ältere Menschen und für Menschen mit chronischen Erkrankungen. Bei der Stärke der Belege unterscheidet sie sorgfältig. Stark sind die Belege für den Schutz vor Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen, ausdrücklich auch vor Typ-2-Diabetes. Für Krebs, Gehirn, Knochen und Muskeln sowie Autoimmunerkrankungen sehen die Autoren ebenfalls positive Zusammenhänge, aber mit schwächeren Belegen. Für bestimmte Krebsarten und neurodegenerative Erkrankungen spricht sie von mäßigen Belegen. Die Ergebnisse schwanken dort, weil sich Studiendesigns, Teilnehmende und die Punktesysteme zur Erfassung der Ernährung unterscheiden.
Wie wichtig diese Unterscheidung ist, zeigt eine Metaanalyse von 2026 zu Multipler Sklerose. Wer sich am stärksten mediterran ernährte, hatte dort eine deutlich geringere Wahrscheinlichkeit für MS (Odds Ratio 0,275). Die Analyse beruhte aber auf nur acht Studien. Den Zusammenhang fanden vor allem rückblickende Fall-Kontroll-Studien, die drei Kohortenstudien fanden keinen. Die Autoren selbst sehen darin keinen starken Beleg für eine vorbeugende Wirkung.
Wenn es im Alltag hakt
Selbst in den Mittelmeerländern ernähren sich laut einer Übersichtsarbeit von 2025 zunehmend weniger Menschen auf diese Weise. Als Gründe nennen die Autoren Zeitmangel, Lieferdienste, verlorene Kochkenntnisse, als hoch empfundene Kosten und irreführendes Marketing. Das Wort „mediterran“ auf einer Fertigpackung macht also noch keine Mittelmeerkost. Den Kern bilden laut der Übersicht frische, saisonale Pflanzenkost, natives Olivenöl extra und ein maßvoller Anteil tierischer Lebensmittel.
Ein Nebeneffekt, der manchen motiviert: Verglichen mit westlichen Ernährungsweisen ist die Mittelmeerkost laut derselben Übersicht mit deutlich weniger Treibhausgasen und einem kleineren Wasserfußabdruck verbunden.
Ihr Mittelmeer-Teller ohne Glas
Ein Beispiel: Herr M., 52, trinkt zur Gemüsepasta ein Glas Rotwein, weil das „mediterran“ sei. Nach der neuen Leitlinie lässt er das Glas weg, stellt Wasser auf den Tisch und behält alles andere. Alles, was die Leitlinie als Kern beschreibt, bleibt erhalten. So sieht der Teller aus:
Hauptfett: Nehmen Sie natives Olivenöl extra zum Kochen und für Salate, statt Butter.
Nüsse: Planen Sie Nüsse fest ein, etwa als Zwischenmahlzeit oder im Salat.
Basis: Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte und Vollkorn füllen den größten Teil des Tellers.
Klein halten: Fleisch, fette Milchprodukte und Zuckerprodukte sind Beilage, nicht Mittelpunkt.
Getränk: Wasser statt Wein. Wer dennoch trinkt, sollte das nicht als Gesundheitsmaßnahme verbuchen.
Gemeinsam essen: Die Leitlinie zählt Esskultur, Geselligkeit und Nachhaltigkeit ausdrücklich zur Mittelmeerkost.
Was die Daten nicht zeigen
Die Leitlinie ist auf die Prioritäten des italienischen Gesundheitswesens zugeschnitten. Ob ein Glas Wein zur Mahlzeit dem Herzen schadet, nützt oder nichts bewirkt, kann erst UNATI zeigen. Die Aussagen zu Klima und Wasser stammen aus einer erzählenden Übersicht, die ihre Autoren ausdrücklich nicht als systematische Übersichtsarbeit verstanden wissen wollen. Auch die Leitlinie räumt ein, dass nicht alle Studien einen gleichmäßigen Nutzen über alle Krankheiten finden. Bei Medikamenten oder Lebererkrankungen klären Sie Fragen zum Alkohol mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Kernaussagen
- Die italienischen Mittelmeerkost-Leitlinien schließen Alkohol einschließlich Rotwein aus den Kernempfehlungen aus.
- Den Herzschutz tragen Olivenöl, Nüsse, Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkorn – belegt durch mehrere große randomisierte Studien.
- Stark sind die Belege für Herz und Stoffwechsel, schwächer für Krebs, Gehirn und Autoimmunerkrankungen.
- Die Studie UNATI mit 10.000 Trinkenden soll klären, ob Wein zur Mahlzeit nützt oder schadet.
Vertiefen Was leistet Mittelmeerkost bei einer Fettleber und wie streng muss man beim Alkohol sein?
Nächster Schritt Wie setze ich die Mittelmeerkost mit Zutaten aus dem deutschen Supermarkt um?
Querverbindung Warum ist Wein bei Fettleber besonders heikel? Belege (5)
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Toward strong, transparent and science-based dietary guidance: lessons learned from the Mediterranean Diet guideline development
Abstract
The Mediterranean Diet Guidelines (MDGs) represent a structured, evidence-informed effort to redefine and promote the Mediterranean Diet (MD) as a tool for health promotion and disease prevention. This work originated from a rigorous methodological process that integrates systematic reviews, expert consensus, and NUTRIGRADE-based evaluations to generate actionable recommendations. The updated definition of the MD extends beyond its nutritional aspects to embrace key sociocultural dimensions, such as culinary traditions, conviviality, and sustainability. This reconceptualization positions the MD as a holistic lifestyle model rather than a restrictive dietary pattern. It also reflects current scientific and public health priorities by explicitly excluding alcohol consumption, including red wine, from its core recommendations. This decision acknowledges growing evidence that even moderate alcohol intake increases the risk of cancer and cardiovascular disease. The MDGs addressed a broad spectrum of health outcomes. They highlighted varying degrees of positive association between adherence to MD and reduced incidence or mortality across different conditions. Adherence to the MD showed strong protective effects against cardiovascular and metabolic diseases. On the other hand, its association with oncological, neurocognitive, musculoskeletal, and autoimmune conditions appears to be positive, though supported by weaker evidence. Specific recommendations are tailored for different lif
The Mediterranean diet and cardiovascular disease
Abstract
Since the 1950s, when Ancel Keys popularized the traditional Mediterranean diet, an immense accrual of large and valid studies, including prospective cohort studies, randomized controlled trials (RCT), and systematic reviews, have been conducted to investigate the potential health benefits related to this dietary pattern. The available evidence shows that the traditional Mediterranean diet represents a sustainable, healthy, and highly palatable pattern with a wide array of associated health benefits. In particular, its protective effects on cardiovascular disease have been supported by several consistent large RCTs, namely, the Lyon Diet-Heart Study, PREDIMED, PREDIMED-Plus and CORDIOPREV. The traditional Mediterranean diet is not a vegetarian diet, but it emphasizes the preferential consumption of minimally processed plant-based foods: fruits, vegetables, whole-grain cereals, legumes, and tree nuts. Its unique components-different from other healthy, plant-based, food patterns-are extra-virgin olive oil as the main source of fat (keeping a high monounsaturated-to-saturated fat ratio), a high consumption of tree nuts, and low-to-moderate consumption of red wine with meals. However, the inclusion of an alcoholic beverage in a healthy diet is becoming increasingly controversial. An ongoing RCT, the University of Navarra Alumni Trialist Initiative (UNATI), aims to answer this question in 10 000 drinkers. In addition to conventional epidemiologic studies, metabolomics techniques
Ancel Keys, the Mediterranean Diet, and the Seven Countries Study: A Review
Abstract
The identification of the "Mediterranean Diet" (MD) by Prof. Ancel Keys is described here, alongside its confirmation through the epidemiological study known as "The Seven Countries Study of Cardiovascular Diseases" (SCS). Prof. Keys' intuition on the possible dietary determinants of coronary heart disease (CHD) was derived from several pilot studies conducted in various countries. His impression was that the healthy diet was eaten along the Mediterranean shores of Italy, former Yugoslavia, and Greece, characterized by a large intake of bread, cereals, vegetables, fruit, and olive oil, with a small intake of meat, milk, dairy, and sugar products. The SCS was conducted across 16 cohorts of middle-aged men in seven countries (USA, Finland, the Netherlands, Italy, former Yugoslavia, Greece, and Japan), with assessments of usual eating habits, repeated medical examinations, and long-term follow-up. Analyses by Keys on the data from the first 15 years of follow-up indicated that low intake of saturated fatty acids (SAFA), usually derived from animal foods, was associated with the lower occurrence of and mortality from CHD, confirming the idea that a diet such as the Mediterranean Diet could be healthy. Further analyses by collaborators of the SCS, over a longer follow-up period, included the use of food groups and dietary scores of different types, confirming that cohorts with a Mediterranean Diet had a lower risk and death rate from CHD, whereas the reverse occurred in population
The Mediterranean Diet as a Model of Sustainability: Evidence-Based Insights into Health, Environment, and Culture
Abstract
The Mediterranean Diet (MD) is globally recognized not only for its well-established benefits to human health but also for its potential as a sustainable dietary model from environmental perspectives. Primarily based on plant-based foods, olive oil, fish, and seasonal and local products, the MD stands out for its ability to reduce overall mortality and the incidence of chronic diseases. At the same time, it is a low environmental impact dietary approach, contributing to the reduction in greenhouse gas emissions, water savings, biodiversity conservation, and soil regeneration. This narrative review was conducted by searching the Scopus and PubMed databases, covering all publications up to 2011, applying predefined inclusion and exclusion criteria, and ultimately including 33 studies. The paper provides a synthesis of the key elements that make the MD a paradigm of sustainability, analyzing critical indicators such as carbon, water, and energy footprints, land use, food waste generation, and carbon sequestration. It also addresses the decline in adherence to the MD, even in Mediterranean countries, highlighting the socio-economic, cultural, and behavioral causes, as well as the necessary strategies to promote its rediscovery and adaptation to contemporary contexts.
Association between Mediterranean Diet and Development of Multiple Sclerosis: A Systematic Review and Meta-Analysis
Abstract
<h4>Background</h4>Multiple sclerosis (MS) is a chronic inflammatory demyelinating disease of the central nervous system. Given the conflicting evidence regarding the impact of adherence to the Mediterranean diet (MedDiet) on MS development and the lack of a systematic review on this topic, this study aimed to examine this association.<h4>Methods</h4>Following the PRISMA and JBI methods, a search of electronic databases was conducted through PubMed, Embase, Web of Science, and Scopus up to March 2024. Clinical original studies assessing the association between the MedDiet adherence and MS development were included. Risk of bias was evaluated using JBI critical appraisal tools. Meta-analyses were performed using CMA4 software.<h4>Results</h4>Out of 202 screened records, eight studies, including five case-control and three cohort studies, met the inclusion criteria. Retrospective evidence from three case-control studies suggested that MedDiet adherence is associated with decreased odds of MS, whereas cohort studies showed no significant relationship. Based on the meta-analysis, there was a significant association between high adherence to the MedDiet and reduced odds of MS (fixed-effect OR: 0.275, 95% CI: 0.11-0.72, p-value <0.01, least MedDiet adherence as the reference).<h4>Discussion</h4>Although the meta-analysis showed a significant inverse association between higher adherence to the MedDiet and the odds of MS, the overall body of evidence does not provide strong support f
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Medizinische Prüfung: Dr. med. Anna Reuter, Fachärztin für Innere Medizin, 18. September 2026.
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